Bewusste Täuschungen untergruben die politische und moralische Autorität.
Standpunkt aus Berlin Depesche Nr. 63.
Liebe Leserinnen und Leser,
der Rücktritt des Verteidigungsmisters war überfällig und unausweichlich. Zweifellos ist Karl- Theodor zu Guttenberg ein großes politisches Talent mit einem starken Rückhalt in der Bevölkerung. Wenn jedoch sein Fehlverhalten ohne politische Folgen geblieben wäre, wären Maßstäbe verschoben worden – zum großen Nachteil unserer politischen Kultur.
Für Legendenbildung ist wenig Raum. Nicht zuletzt aufgrund der Internetrecherchen steht fest: zu Guttenberg hat in seiner vor gerade einmal fünf Jahren fertig gestellten Doktorarbeit auf fast 70 Prozent der Seiten fremde Texte genutzt, ohne diese wie vorgeschrieben als Zitat kenntlich zu machen. Teilweise gehen die kopierten Texte über mehrere Seiten. Er hat damit in fast einzigartiger Weise gegen wissenschaftliche Grundsätze verstoßen – entgegen seiner damaligen ehren-wörtlichen Erklärung. Zu Recht hat sich auch sein Doktorvater entsetzt und tief enttäuscht geäußert und die Universität Bayreuth den Doktortitel aberkannt.
Ein Jurastudent lernt bereits im 1. Semester, dass und wie zitiert werden muss, um eigene und fremde Leistungen unterscheidbar zu machen. Jeder, der schon einmal zumindest eine Hausarbeit geschrieben hat, weiß: solch erhebliche Täuschungen, wie sie zu Guttenberg nachgewiesen wurden, können nicht versehentlich erfolgt sein. Die Masse der fehlenden Fußnoten und das systematische Kopieren lassen nur den Schluss zu: hier hat jemand bewusst getäuscht, um den Doktortitel zu erlangen.
Schon das hätte unverzüglich dazu führen müssen, dass ein Minister für sein Fehlverhalten Verantwortung übernimmt und zurücktritt. Zumal es ja nicht um lange zurück liegende Jugendsünden geht und der Minister in der Öffentlichkeit immer einen besonderen Anspruch der Wahrhaftigkeit für sich beansprucht hat.
Zu Guttenberg hat es nicht bei dieser wissen-schaftlichen Täuschung belassen. Er hat mehrere politische Täuschungsversuche hinzugefügt. Zunächst glaubte er, den Plagiatsvorwurf als „abstrus“ abstreiten zu können. Dann räumte er verharmlosend „Fehler“ ein, als diese bereits nachgewiesen waren. Als nächstes versuchte er, den Eindruck zu erwecken, er sei reumütig, weil er ja bereit sei, auf den Doktortitel zu verzichten. Dabei war dieser aufgrund der Faktenlage ohnehin nicht mehr zu halten. Und bis zuletzt bestritt er jegliche bewusste oder vorsätzliche Täuschung – obwohl sie doch so offensichtlich ist. Seine Rücktrittsrede nutzte er schließlich noch, um sich indirekt als Opfer der Medien darzustellen.
Zu Gutenberg hat wiederholt versucht, sich in der öffentlichen Wahrnehmung einen ungerechtfertigten Vorteil zu verschaffen. Zum Teil mit unsauberen Mitteln und nicht zuletzt mit gezielter Unterstützung der Bild-Zeitung. Mehr Schein als Sein wurde zum Prinzip. In das psychologische Bild passt ein „geschönter Lebenslauf“ des Ministers, in dem aus mehrwöchigen Praktika als Student „berufliche Stationen in Frankfurt und New York“ und ein Zeitungspraktikum zur „Tätigkeit als freier Journalist“ wurden.
Ein Soldat mit vergleichbarem Fehlverhalten im Hinblick auf die Doktorarbeit müsste mit erheblichen disziplinarrechtlicher Konsequenzen rechnen. Auch deshalb war die notwendige Autorität des Verteidigungsministers untergraben. Und das vor der schwerwiegendsten Reform der Bundeswehr, die übrigens vom Minister widersprüchlich und ohne überzeugendes Konzept angegangen wurde. Er hat eben kein „bestelltes Haus“ hinterlassen, wie auch der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes Ulrich Kirsch betont hat. Seinem allseits angesehenen Nachfolger Thomas de Maiziére ist Besseres zuzutrauen – und das mit weniger Show.
Auch die Kanzlerin geht aus dieser Affäre beschädigt heraus. Sie hat die Angelegenheit zu lange als lässliche wissenschaftliche Fehlleistung abgetan und hierdurch erst Recht Empörung aus der Wissenschaft provoziert.
Wir brauchen gerade jetzt einen Verteidigungs-minister mit politischer und moralischer Autorität. Zu Gutenberg hatte sich hierfür die Grundlage selbst entzogen.